Die Fachzeitschrift w&v (werben und verkaufen) hat mich zum Trend im Zeitschriftenmarkt befragt. Der Artikel ist im aktuellen Heft.
Wenn ihr meine Antworten komplett lesen wollt - bitte sehr. Dann erfahrt ihr
- warum General Interest mausetot ist
- warum Brand eins und das SZmagazin Vorbilder sind
- warum Landlust Porno für’s Gemüt ist
- wie lange es noch BUNTE gibt
- Was für ein Männermagazin ich gern lesen würde
- was Kids nervt
- und was meine Tochter am Kiosk kaufen würde.
Hier sind die Fragen von w&v und meine Antworten:
1. General Interest-Magazine, die auf die breite Masse zielen, gelten zunehmend als chancenlos im Markt. Erfolge konnten zuletzt eher die Macher von Special Interest-Titeln für sich verbuchen – etwa der Landwirtschaftsverlag mit dem vielzitierten Landlust oder G+J mit Beef und Schöner Wohnen. Wird sich dieser Trend weiter verstärken?
General Interest auf Papier ist mausetot, ebenso tot übrigens wie General News. Ich selbst lese schon seit Jahren die gedruckten Ausgaben von STERN und SPIEGEL nur noch wenn diese einen Scoop haben (aber wann haben die schon einen?) oder ihnen eine peinliche Panne passiert. Beide genannten Magazine waren früher Agenda Setter. Das sind sie schon lange nicht mehr. Die Themen werden jetzt im Internet, bei twitter, facebook und in Blogs gesetzt. Die Zeitschrift der Zukunft kann nicht mehr generell und aktuell sein, sie muss speziell sein. Entweder vom Thema her (Landlust, Bike, Mare), von der Wertigkeit und/oder Kreativität her (Brand eins, SZ-Magazin), von der ideologischen Ausrichtung her (vielleicht künftig Focus) oder von der Fähigkeit zur Analyse her (Die Zeit).
Auf Papier will man – wenn überhaupt – lange Geschichten lesen, Hintergründe erfahren und Dinge finden (wie bei Brand eins oder im SZ Magazin), die man sonst nirgends findet oder zumindest nicht so.
Warum STERN, SPIEGEL etc. immer noch so hohe Auflagen melden? Wundert mich ehrlich gesagt auch – genauso wie die Tatsache, dass sich angeblich immer noch Millionen von Menschen Fernsehzeitschriften und Yellows kaufen!!?? Vielleicht ist das so eine Art Dinosauriereffekt: der Komet ist schon längst auf der Erde eingeschlagen, der Himmel verdunkelt – aber immer noch laufen ein paar Echsen-Monster rum und glauben, dass sie überleben werden.
2. Welcher der aktuellen Zeitschriftentrends wird sich Ihrer Ansicht nach am schnellsten wieder abschwächen?
Ich glaube, dass der relativ neue People-Magazin-Trend (intouch, OK,etc.) seinen Zenit überschritten hat. Alles was da steht, stand schon längst im Internet oder war im TV zu sehen. BUNTE mit seiner betagten Leserinnenschaft wird es dank des Kopfstandes der Alterspyramide mindestens noch so lange geben wie Patricia Riekel. Ich glaube, dass die teuer produzierten special-special-special-Interest-Magazine für eine extrem zugespitzte Zielgruppe (z.B. Beef statt Essen und Trinken) als Print-Produkt weder ökologisch noch ökonomisch eine Zukunft haben.
Ich glaube auch, dass die Kids schon bald die Nase voll haben davon, dass ihnen die Eltern ständig irgendwelche Blätter hinlegen, die angeblich pädagogisch oder zumindest bildungsbürgerlich wertvoll sind, weil ZEIT, mare oder SPIEGEL draufsteht.
Außerdem finde ich, dass die Verlage mit ihren hasenherzigen One-Shot-Strategien langsam mal aufhören und auf längere Sicht angelegte Magazine auf den Markt bringen sollten: mit echten Redaktionen, echtem Etat und echtem Mut.
Und ich bin auch nicht sicher, ob sich jeder Popel-Konzern auf längere Sicht ein gedrucktes Firmenblättchen (inkl. Papier- und Versandkosten) leisten wird, wenn das per e-paper auch billiger, moderner und schneller geht.
3. Nochmal Landlust & Co: Der Boom des Ländlichen im Zeitschriftenregal scheint ungebrochen, nach wie vor kommen weitere einschlägige Me-Too-Produkte auf den Markt. Zugleich scheinen auch Titel für junge, moderne Mütter sowie Jugendableger bekannter Titel (u.a. Mare Ahoi, Zeit Leo, Spiegel Yuno) seit einiger Zeit aus dem Boden zu schießen. Welche Themen werden Ihrer Ansicht nach noch folgen? (z.B. Magazine zum Thema Nachhaltigkeit, Best Ager etc…)
Der Landlust-Hype ist ein echtes Phänomen. Da wird im Print eine virtuelle Welt erschaffen, wie es bisher eigentlich nur in Computerspielen üblich war. Und die Leser/innen spielen massenhaft mit. Kaum einer der Landlust kauft, will ja real in die Kuhkacke treten und stundenlang dem Summen der fleißigen Bienchen lauschen. Für mich ist das eine Art Porno für’s Gemüt. Schön für die Verlage, dass die Leute sowas noch auf Papier kaufen. Der Original-Porno (der mit dem Sex) findet ja nur noch im Internet statt. Ich glaube nicht, dass es Best-Ager- und Loha-Magazine erfolgreich geben wird. Das wurde immer wieder versucht und hat nie geklappt. Die meisten Menschen haben nichts dagegen alt und/oder ökologisch korrekt zu sein. Sie wollen aber nicht, dass ihnen jemand erzählt, wie das geht.
4. Was vermissen Sie persönlich auf dem Zeitschriftenmarkt? Sprich: Welche Art von Magazin würden Sie sofort kaufen? Gibt es vielleicht auch einen internationalen Titel, von dem Sie sich eine deutsche Adaption vorstellen könnten?
Ein richtig cooles Männer-Magazin würde ich kaufen – und mit cool meine ich: fast ein bisschen unterkühlt unter Verzicht auf alles, was mit Blut-Schweiß-Sperma-Männerromantik zu tun hat. Ein noch viel cooleres Magazin für Jungs fehlt ganz dringend, damit die nach der Bravo-Phase nicht endgültig für den Print-Markt verloren gehen (einen Entwurf, der in die richtige Richtung geht, habe ich mal bei den Studenten der Media School in Hamburg gesehen). Ein Wissensmagazin nach Art von Brand eins würde ich gerne lesen. Warum sollten deutsche Frauen nicht wie im UK alle Vierteljahre so ein kluges Blatt wie “intelligent life” haben wollen? Außerdem glaube ich, dass meine Tochter gern ein fashion-Magazin lesen würde, das etwa so funktioniert wie die fashion und style blogs der Kids: summerlisten, Gypsy Rose oder someday – nur dass blättern eben doch noch sinnlicher als scrollen ist…