Wie gehen eigentlich Exerzitien?

Angeblich sind ignatianische Exerzitien die effektivste Meditation der Welt. Wie einige von euch wissen, mache ich das gerade in einem Exerzitienhaus der Jesuiten in der verschärften Version: schweigend. Falls euch interessiert, wie das abläuft - ich schreibe es euch hier einmal auf.

Erfunden hat diese Art der spirituellen Übungen Ignatius von Loyola (1491-1556), ein Adliger aus dem spanischen Baskenland und Gründer des katholischen Jesuiten-Ordens.

Hier im Haus Hoheneichen (Foto: die Kapelle) läuft das so ab:

Es dauert eine Woche, in der man nicht reden darf, ausser mit seinem persönlichen Begleiter pro Tag etwa 20 Minuten. Mein Begleiter ist ein Pater. Er gibt mir jeden Tag einen sogenannten Impuls, eine Stelle aus der Bibel, über die ich meditieren soll. Der Pater macht Vorschläge, in welche Richtung die “Betrachtung” gehen könnte.

Ich hatte am ersten Tag zum Beispiel eine Stelle aus dem Markus-Evangelium (Mk 2, 1-12), wenn ihr wollt, könnt ihr sie hier nachlesen. Ich steh’ nicht besonders auf Markus, aber für eine Betrachtung eignet sich diese Stelle angeblich gut, weil sie “leicht” ist - nicht besonders kompliziert oder theologisch herausfordernd.

Kurz zusammengefasst geht es in Mk2, 1-12 darum, dass Jesus in einem Haus in Karfanaum (auf der Karte unten am Nordrand des Sees) am See Genezareth auftritt und die Leute sich so verhalten, wie beim Auftritt von Daniela Katzenberger am Lübbe-Stand auf der Frankfurter Buchmesse 2011: kein hysterisches Gekreische wie bei Justin Bieber, aber schon ein ziemliches Gedränge. Bei Jesus war’s jedenfalls rappelvoll, die Leute standen bis auf die Strasse.

Blöd für die vier Leute, die einen Gelähmten auf einer Trage herbeischleppen. Sie hoffen, dass Jesus dem Mann helfen kann, schließlich hat er ja einen soliden Ruf als Wunderheiler. Aber jetzt kommen sie nicht an Jesus ran! Da hat einer eine Idee. Sie hieven den Patienten aufs Flachdach, hacken ein Loch rein und lassen ihn direkt vor Jesus runter.

Der staunt nicht schlecht, ruft aber schlagfertig: Deine Sünden sind dir vergeben.

Das kommt allerdings nicht so gut an. Dem Patienten ist es zuwenig, den Schriftgelehrten, die ebenfalls dort abhängen, ist es zu viel. Sie finden, dass ein dahergelaufener Typ, der einfach mal so den Job von Gott macht und Sünden vergibt, vielleicht ein wenig zu grossspurig drauf ist. Eine Art Chuck Norris der Vergangenheit.

Jesus spürt den Missmut, sagt: Okay, ich weiß, was ihr wollt. Ich soll sagen: Steh auf, nimm deine Trage und geh! Das würde Euch gefallen. Also sag ich: Steh auf, nimm deine Trage und geh!

Der Mann steht auf, nimmt seine Trage und geht. Keine Ahnung ob er sich bedankt hat. Und wenn, dann steht es nicht in der Bibel oder keiner hat’s gehört, weil jetzt ein echt Justin-Bieber-mässiges Hallidalli ausbricht. Das Publikum ist aus dem Häuschen.

Das ist die Story.

Jetzt sucht man sich einen Ort, an dem man ungestört meditieren kann. Achtet auf seinen Atem. Bittet Gott in einem kleinen Gebet, die Betrachtung gut zu machen, die Konzentration zu fördern etc. - und dann stell man sich die Situation bildlich vor, so ähnlich wie ich das oben geschildert habe. Wie sieht Jesus aus? Das Haus? Der Ort? Die Menschenmenge? Mein Betreuer sagt, das sei vergleichbar dem Aufbau einer Bühne.

Wenn die Bühne steht, gibt man sich die ganze Sache möglichst intensiv. “Gut verkosten” heißt das anscheinend bei Exerzitien.

Dann geht man in die Geschichte rein. Ich sollte mir zum Beispiel vorstellen, ich sei der Mann auf der Trage. Was lähmt mich? Wer trägt mich? Was sagt Jesus zu mir? Was sage ich? Oder, Alternative: Ich bin einer der Typen, die die Trage tragen. Wer liegt drauf? Warum? Wie stehe ich zu dieser Person? Usw.

Ihr ahnt gar nicht, was dabei abgeht, wenn’s gut läuft. Ich war ziemlich überrascht, was mich lähmt und wer mich trägt (nee, eigentlich war die Überraschung, wer mich NICHT trägt). Und dann hatte ich einen ziemlich coolen Dialog mit Jesus, dem man Fragen stellen kann, aber auch Kritik mitteilen. In dieser Betrachtung hat er mir Antworten gegeben, mit denen ich gut was anfangen kann (das ist nicht immer so).

Das macht man etwa 30-60 Minuten. Dann bedankt man sich mit einem Gebet. Ich nehme das Vaterunser. Später wertet man die Betrachtung schriftlich aus. Das Ganze soll man pro Tag bis zu vier mal machen (immer mit dem selben Text, erst am nächsten Tag gibt es einen neuen). Ich hab’s bisher maximal drei mal geschafft.

Es gibt nämlich noch jede Menge andere Programmpunkte. Morgens Yoga  (hier heißt es: Leibübungen), Andachten, Gebetszeiten, stille Gebete, jeden Abend eine Heilige Messe, mit allen Sinnen Spazierengehen (so eine Art meditatives Wandern) etc.

Mal sehen, wo das noch hinführt.

Ein paar Infos zum Haus Hoheneichen:

Es besteht aus einer großen alten Villa, dem Wohnhaus der Jesuiten und einem Neubau fü Küche, Seminar- und Meditationsräume sowie Speisesaal.

  • Lage: Wunderbar direkt am Elbhang bei Dresden. Vor dem Haus: die Elbe. Um das Haus: ein Park. Hinter dem Haus: der Elbhang mit steilen Wanderwegen durch Eichen- und Buchenwälder. Romantisch. Ein paar Fussminuten entfernt: das fette Pillnitzer Schloss, direkt am Fluss.
  • Räume: alles neu und piccobello. Schlicht, aber ästhetisch. Viel Holz und Glas bei den Neubauten. war sehr positiv angetan.
  • Essen: Old Style. Wie lang habe ich keine klassische Mehlschwitzen (dunkel und hell) mehr gegessen? Und wo sonst ausser hier gibt es zum Nachtisch noch Obst aus der Dose? Ein Retro-Erlebnis.
  • Exerzitien-Angebote der Jesuiten: hier.