Dinge und Wesen

Monat

Mai 2010

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Ruhm, um jeden Preis

Die erfolgreichste Künstlerin der letzten 12 Monate sieht sich nicht als Popstar, sondern als Gesamtkunstwerk

Das ist ein Ausschnitt aus einem meiner Berichte über LADY GAGA: 

…Schneller als Lady GaGa ist noch nie in der Geschichte der Popmusik ein Künstler zum Weltstar geworden. Allerdings hat auch noch keiner vor ihr seine Karriere derart penible geplant.

Lady GaGa heißt eigentlich Stefanie Joanne Angelina Germanotta und stammt aus einer italienisch-amerikanischen Familie in New York. Ihr Vater Joe war mit Internet-Firmen so erfolgreich, dass er seinen beiden Töchtern den Besuch der katholischen Elite-Mädchenschule Convent Of The Sacred Heart ermöglichen konnte. Tagsüber besuchte Stefanie in Schuluniform das Privat-Gymnasium. Abends trat sie in provokantem Lolita-Outfit als Singer/Songwriter in den Szene-Clubs der Stadt auf. Mama Cynthia musste sie begleiten, weil sie erst 14 war.

Schon damals hatte die junge Künstlerin das Bestreben, aufzufallen. Routinemäßig verwandelte sie Haarspraydosen in Flammenwerfer und einmal zog sie sich bis auf die Unterwäsche aus, damit das Publikum ihr Beachtung schenkte.

Aber erst als sie mit 17 als einer von weltweit 20 Studenten in die Musikklasse der New Yorker Kunstakademie Tisch School aufgenommen wurde, entwickelte sie das Konzept für eine Karriere, das weit über die Erfolgsplanung für einen Popstar hinausging. Sie wollte in der Musik nicht weniger, als es Andy Warhol in der Malerei gelungen war: Kunst und Kommerz auf höchstem Niveau vereinigen.

Sie betet jeden Tag, befasst sich mit Warhol, Beethoven, Jean Jacque Rousseau und liest Rainer Maria Rilke. Seine „Briefe an einen jungen Dichter“ berührten sie so, dass sie sich einen Satz davon auf den linken Oberarm tätowieren ließ: “Gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben”.

Am meisten aber beeinflusste sie der Aufsatz des französischen Philosophen Michel de Montaigne (1533-1592) „Über eine Missgeburt“, in dem es heißt: „Wir nennen wider die Natur, was doch nur wider die Gewohnheit ist“.

Lady GaGa übersetze diesen Satz so für sich: „When we view something contrary to custom, we assign them a monstrous quality“ – was nicht gewöhnlich ist, kommt uns monströs vor.

Seitdem überhöht sie systematisch das Banale ins Monströse. Sie trägt keine künstlichen Haare, wie andere Stars, sondern monumentale Perücken in einem blendenden Farbton, den sie Andy-Warhol-Weiß nennt. Ihre Büstenhalter explodieren während ihrer Auftritte und sprühen Feuerfontänen ins Publikum, ihre High Heels sind derart übertrieben, dass sie kaum darauf stehen kann, ihre Brillen bestehen aus iPod-Monitoren oder gefrorenen Acryl-Kristallen, ihre Kostüme sind so exaltiert, dass sie in einigen Jahren als Kunstwerk im Museum of Modern Art zu sehen sein werden.

Und statt über Musik zu reden, hält sie poptheoretische Vorträge über Ikonographie und Repetition als Basis für die kollektive Erinnerung und wie sie dies nutzte um bekannt zu werden: Ein Jahr lang trug sie einen schwarzen Vinyl-Catsuite, einen Blazer von Martin Margiela, Goldketten, die Andy-Warhol-weiße Pony-Frisur, Lackstiefel und eine schwarze Versace Sonnenbrille. „Dieser Look war ikonisch“, erklärte sie dem Musik-Magazin Spex, „an den konnte man sich erinnern. Das war mein Ziel“.

Später thematisierte sie ihre angebliche Bisexualität, aber weil das nicht monströs genug war, erhöhte sie es zu einem Fall von Zwittertum und etablierte damit das fast vergessene Wort „Hermaphrodit“ wieder in der Jugendsprache. Monatelang rätselte der Boulevard mit immer neuen Fotobeweisen aus Lady GaGas Schrittbereich, ob sie nun Mann oder Frau oder beides sei. Sie selbst gab schließlich die Antwort, als ein Journalist nach einem eventuellen Penis fragte: „Sie beleidigen meine Vagina!“

Ihre Strategie nennt sie „The Fame“ – der Ruhm.  Was sie damit meint, hat nichts zu tun mit simpler Popularität. Es ist in ihren Worten „ein innerer Bewusstseinszustand“, der die Macht hat, das Leben zu verändern – wenn man ihn konsequent nach außen projiziert. Ein Kunstprojekt

Dass Lady GaGa die Aussenprojektion in irgendeiner Form vernachlässigt, kann man ihr nicht vorwerfen. Sie beschäftigt eigens einen Think Tank von jungen verrückten Leuten, die ihre Visionen umsetzen. Mindestens 11 ständige Mitglieder hat dieses „Haus of GaGa“, darunter Designer, Internet-Nerds, Stylisten, Techniker, Choreographen und der Kultfotografen David LaChapelle. Geleitet wird das Haus Of GaGa von ihrem On-Off-Lover Matthew „DaDa“ Williams. Er ist zuständig für die abstrusen Gimmicks auf der Bühne wie den beleuchteten Disco-Stick als Penissymbol, für ihre Kostüme, aber auch für eine Youtube-gerechte Ausleuchtung all ihrer Auftritte und den stetigen Nachrichstrom auf twitter, wo das Stichwort Lady GaGa jeden Tag im Durchschnitt 10.000 mal auftaucht.

Im Hintergrund des jungen, wilden Teams allerdings arbeiten erfahrene Manager. Ihr Vater Joe steuert die PR. Ihr Plattenlabelm Interscope gehört zur weltweit operierenden Universal Music Group. Ihr Vertragsanwalt Gary Stiffelman hat schon für Britney Spears und Michael Jackson gearbeitet. Ihr Musikagent Marc Geiger ist einer der erfolgreichsten Macher im Popgeschäft. Und ihr Produzent ist der mysteriöse RedOne, der als Nadir Khayat im marokkanischen Tétouan geboren wurde und als „einer der heißesten Namen in der Musikindustrie“ gilt.

Aber so groß auch die Namen in Lady GaGas Team sind. Der Masterplan stammt von ihr. Und er kennt nur ein Ziel: Ruhm. Um jeden Preis. Wieviel sie dafür zu geben bereit ist, enthüllte sie kürzlich in einem Nebensatz. „Der verzweifelste Schrei nach Aufmerksamkeit und Ruhm ist Pornographie“, sagte sie da, als sie die pornographisch-morbiden Sequenzen in ihrem „Paparazzi“-Video deutete. „Und“ – ein Atemzug Pause – „Mord“.

May 10, 20102 notes
#LadyGaGa #Pop #Musik #Music #Popmusik #Germanotta
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